Kuss der Unschuld, Eugène Carrière (1882)
Eugène Carrière und seine Frau Sophie haben sieben Kinder, die das Hauptthema seiner Kunst werden. Ein gleichnamiges Gemälde (Privatsammlung) zeigt die erstgeborene Tochter Elise (1878-1934) und den im Kindesalter verstorbenen Léon (1881-1885) in einer innigen Umarmung. Der kleine, einjährige Bruder ergreift zärtlich das Gesicht seiner Schwester, die damals etwa vier Jahre alt war, und küsst sie auf den Mund. Carrière arrangierte die Figuren in weichen, fließenden Formen. Die Gesichter und die sie umrahmende Kleidung wurden mit Licht aus dem monochromen Hintergrund herausgearbeitet, das gleichzeitig wie von einem Nebel verhüllt erscheint und die Szene entrückt erscheinen lässt. Carrière war ein Außenseiter unter den Symbolisten, ein Meister der Intimität, der mit seiner unkonventionell poetischen, atmosphärischen Malerei das Verborgene hinter dem Sichtbaren einfing. Seine Kunst wurde von zahlreichen Künstlern und Kunstkritikern hoch geschätzt. Sein Freund Auguste Rodin stellte 1906, als Carrière starb, fest: "Die meisten Bilder, die man in Ausstellungen sieht, sind nur Malerei: seine [Carrières] eigenen schienen Fenster zu sein, die sich zum Leben öffnen."
